Über uns

Wir sind unzufrieden.

Nicht, weil unser Viertel ist, wie es mit seinen Problemen ist, sondern weil niemand eine Ahnung davon hat, wohin es gehen soll.

Stillstand ist Rückschritt

Und Stillstand haben wir seit Jahren bei uns im Viertel!

Man darf noch nicht mal von konzeptloser Planung reden - das würde ja bedeuten, es gäbe im Ansatz Planungen, was mit dem Leonhardsviertel geschehen soll - außer der grandiosen Idee eine Fussgängerzone zu Testzwecken einzurichten ohne dass die Stadt diesbezüglich die Anwohner selbst vorab über den Aktionismus informiert.

Man würde ja gern voranschreiten im Viertel - es liebenswerter machen - investieren - oder es verlassen - wüsste man nur, wohin die Reise gehen soll denn wer will schon Geld in die Hand nehmen wenn man sieht, dass von der Stadt aufgekaufte Häuser verfallen. Da kommt einem schon mal der Gedanke dass ein Viertel bewusst zur Geisterstadt wird.

Gemeinsam in die Zukunft

Unser Wunsch ist es, gemeinsam mit den Anwohnern, Hausbesitzern, Gastronomen und Gewerbetreibenden einen gemeinsamen Nenner zu finden. Eine Idee der Zukunft in unserem Viertel.

Nur gemeinsam können wir unsere Anliegen äußern, Briefe und Ideen einzelner werden im Rathaus wenn überhaupt gelesen - diskutiert sicher nicht.

Es wäre schön, wenn alle Betroffenen - und das sind ja nicht gerade wenige - eine Idee entwickeln - wohin die Reise gehen soll. Und wenn es nur zu einem gemeinsamen großen Fest im Viertel kommt, bei dem wir auf uns und unsere Probleme aufmerksam machen können - das wäre zumindest mal ein Anfang.

Trotzdem!

Oder gerade deswegen? Weil man an der Misere nicht mehr vorbei sehen kann, nicht mehr vorbei sehen darf oder vielleicht doch eher, weil so viele es trotzdem schaffen, dieses alte und so pittoreske Stück Stuttgart mit seinen vielen Problemen einfach zu übersehen? Wie kann man nur zur seligen Mittagszeit geduckt durch die schäbigsten Laufhäuser der Republik marschieren, um dabei die neuesten Angebote für eine schnelle Mittagsnummer zu vergleichen, wohl gern auch zu nutzen und dann am nächsten Tag in irgendeinem städtischen Gremium bei diesem Thema eine Meinungs- und Kenntnislosigkeit in die eigene Gesichtsmuskulatur zu modellieren, dass man am Liebsten mit einem Lötkolben dafür sorgen würde, dass solche Ignoranten die Prostituierten im Leonhardsviertel nicht mehr belästigen. Wie viel Selbstbetrug hält der Mensch eigentlich aus? Wir sind eine verlogene Gesellschaft. Geht es den Mädchen in unserem "Städtle" vielleicht deshalb so schlecht, weil sie uns so klar auf unsere Dauerlügen hinweisen?

Wie weit ist eigentlich vom Rathaus bis zum „Städtle“? Wenn man zwei rote Empfangsteppiche zusammenbinden würde, dann müsste es der Oberbürgermeister fast bis in die Jakobsstube hinein schaffen und könnte sich dort von gescheiten Anwohnern das Dilemma schildern lassen und dabei verstehen lernen, wo die Probleme liegen und wie Verbesserungen zu erreichen wären. Die Jakobsstube gilt als Schwulentreff. Muss man deswegen homosexuell veranlagt sei, und dort ein paar Bierchen zu trinken? Nein, und sagen wir es für die Paranoiden gleich dazu: Man wird vom Bier dort auch nicht schwul. Da könnte die nicht zu verbergende SPD-Lastigkeit der kleinen gemütlichen Kneipe schon ein wenig problematischer sein für den Stuttgarter OB! Aber Veranstaltungen mit zu viel SPD sollte Herr Kuhn mit seiner Erfahrung zur Genüge kennen. Der guten Vollständigkeit sagen wir es gerne noch einmal: Vom Bierchen in der Jakobstube wird man weiser und nicht schwul und auch nicht sozialdemokratisch. Die Biersorte muss Herr Gabriel erst noch erfinden.

Wer die Bedeutung des Wörtchens „Gegenwind“ erfahren möchte, der engagiere sich für die Belange des vernachlässigten Rotlichtviertels und schon erhebt sich die große Koalition der Bedenkenträger, Besserwisser und Entrüsteten. Die Letzteren sind eigentlich die Tinte im Drucker nicht wer, sie verlassen sich seit Menschengedenken auf die zölibatäre Libidobremse des beziehungsgestörten Mannes und beweisen damit lediglich die beneidenswerte Fähigkeit, die Lebensrealitäten komplett auszublenden oder zu ignorieren.

Gefährlich sind die eigentlich solidarischen Bedenkenträger. Begeistert vom hehren Ziel, jedoch defätistisch in der Argumentation. „Das haben doch schon so viele versucht“, „Da wird sich nie was ändern“ und alles kommt einem vor wie ein „Dreißigjähriger Krieg“ um Macht, Konzessionen und viel, viel Geld.

Sollen alle resignieren, nur weil einige Klugscheißer keinen Arsch in der Hose haben? Sollen wir kapitulieren, weil immer alle kapituliert haben? Seit ich Zeitung lesen kann, sterben jeden Tag unzählige Kinder in Afrika einen grausamen Hungertod und seit ich mich stärker mit der afrikanischen Lebenssituation beschäftige, ahne oder genauer gesagt weiß ich, dass wahrscheinlich unsere ganzen Hilfsaktionen ziemlich sinnlos sind. Sollen wir deshalb beim Sterben in Afrika wegschauen? Nein, nein und nochmal nein! Wir müssen verdammt noch einmal weitermachen, hinsehen, helfen, spenden, verstehen lernen und unsere Hilfe immer wieder den sich ändernden Gegebenheiten anpassen. In Afrika genauso wie bei uns mitten in der Stadt. Es kann kein Stuttgarter sagen, dass er die ungeregelten Zustände im „Städtle“ so für richtig hält und den erbarmungswürdigen Zustand mancher Häuserreihe für nicht korrigierbar. Es mag schon sein, dass dies seit dreißig Jahren so ist, aber das ist vollkommen egal. Dann fangen wir eben heute wieder an es zu ändern. Mein Gott, solche Bruchbuden im Land der Häuslebauer.

Wir sind keine Phantasten. Wir werden die Welt nicht neu erfinden, das Böse wird bleiben und auch das Schmutzige. Yin und Yang sind unumstößlich, auf Dauer nicht trennbar, so erklären uns die Asiaten, wo weiß ist, muss auch schwarz sein, keine Freude ohne Trauer, nichts Schönes ohne irgendetwas Hässliches. Aber so schön ist Stuttgart dann auch wieder nicht, dass man unsere Altstadt so schlimm herunter kommen lassen muss. Wir werden versuchen, ein wenig rumzuputzen. Da ein bisschen, dort ein wenig und dann hoffen wir, dass alle sehen und bemerken, dass sich ein bisschen Aktivität schon richtig lohnen kann. Dazu machen wir so lange mit der Stadt rum, bis uns keiner mehr abwimmelt und alle dafür sind, die Mittagspausen gepflegter zu verbringen. Wir werden hart am Wind segeln und irgendwann ist immer Gegenwind. Sei es drum. Und keine Angst. Segler melden sich nicht an bei „Unser Dorf soll schöner werden!“ Wir machen es gern eine Stufe drunter.

Es ist besser, eine kleine Kerze anzuzünden, als immer nur über die Dunkelheit zu jammern. So könnte unser Motto lauten! Wir werden aufpassen, dass wir uns dabei nicht die Finger verbrennen. Wir werden mutig sein, aber nicht plemplem. Und wir haben Geduld, viel Geduld. Und schauen mit dem letzten Satz noch nach Asien, dieses Mal nach Indien. Wie heißt es dort so klug, aber auch so hoffnungsvoll: „Am Ende wird alles gut sein. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es eben auch noch nicht zu Ende. „Lassen wir an dieser Stellen dann noch einen großen europäischen Philosophen zum Schlusswort kommen: „Schauen wir mal!“

[von Holger Hommel]